Hexen, Moerder, Henker, Anna Ehrlich, Kriminalgeschichte Hexen_Rezensionen

Wiener Zeitung, 16. Mai 2006

Ehrlich: Hexen Mörder Henker

Makaberer Prozess-Reigen

Von Werner Grotte

Geschichte des Strafvollzuges.

Eine "Kriminalgeschichte Österreichs" könnte sich trocken lesen. Autorin Anna Ehrlich hat sich aber für eine sachlich-authentische Variante entschieden, die den Leser von Anfang an fesselt.
Der Grund liegt nicht zuletzt in der Allgegenwart vieler Spielorte, etwa in Wien, Krems oder Korneuburg. Dort, wo man gerade erst gefrühstückt hat oder ein Computerspiel gekauft hat, wurden vor wenigen hundert Jahren Menschen fleißig geköpft, gerädert, bäckergeschupft oder verbrannt. Ehrlich spart nicht mit Details zu Instrumenten, Verfahren und Techniken der Inquisitoren, Richter und Henker. Zeitgenössische Darstellungen ergänzen das Bild. Wer etwa wissen möchte, wie lange jemand mit aufgeschlitztem Bauch um einen Baum rennen kann (oder eher muss), bis sein dort angenagelter Darm sich komplett ausgewickelt hat, wird mit Ehrlichs Schilderungen seine wahre Freude haben.

Prozess-Orgien um jüdische Hostienschändung, Blutwunder, Ketzerei und Hexerei, die oft ganze Länder der Willkür fanatischer Geistlicher unterwarfen, erinnern frappant an allzu aktuelle Geschehnisse in anderen Erdteilen. Die Erkenntnis, dass auch bei uns erst Mitte des 18. Jahrhunderts eine halbwegs einheitliche Rechtsprechung eingeführt wurde, lässt keine wirkliche Erleichterung aufkommen. Ist doch die tatsächliche Abschaffung der Todesstrafe in Österreich erst 1968 erfolgt, das letzte Mal vollzogen wurde sie 1955. Und Fälle aus der jüngsten Vergangenheit wie Udo Prokschs Lucona-Sprengung zeigen, dass Machtmissbrauch auch mit modernster Judikatur kaum einzudämmen ist.

Reichlich genutzte Quellen und gut strukturierte Einteilung machen das Buch für jeden unentbehrlich, der ein kompetentes Gesamtwerk zur Entwicklung des Rechts- und Gerichtswesens in Österreich oder sogar Europa sucht und dabei nicht ganz auf den historischen Kontext verzichten will.

Kompetentes Werk

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