Ruhig und gemächlich schoben sich die silbrigen Wasser der Moldau durch Prag. Vorbei an Vysehrad, dem Sitz des längst schon  untergegangenen Geschlechts der Premysliden, flossen sie nordwärts zum Hradschin, dem Burgberg der Luxemburger, auf dem seit gerade einmal zwei Jahren wieder kaiserliches Leben eingezogen war. Rudolf II., Römischer Kaiser, König von Böhmen und Ungarn, Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, Infant von Spanien, Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies und Träger von unzähligen weiteren Titeln, hatte dort im Jahre 1583 seine Residenz aufgeschlagen.

Sein Gestirn leuchtete über Prag (1). Hier und nur hier konnte er leben, wie es ihm entsprach: Nahe bei der Stadt und doch weit genug von ihr entfernt, unerreichbar und doch allgegenwärtig. Und hier konnte er auch seiner Phantasie freien Lauf lassen, seinen Neigungen nachgehen und seinen Träumen Gestalt verleihen. Dies galt auch, und zwar ganz besonders, für seine Burg: Glänzend lag sie im Licht eines strahlenden Frühsommertages da, die rege Bautätigkeit Rudolfs ließ sie wirken wie eine unklare Idee, die erst geformt werden muss. Ihre weitverzweigten Arme mit den dazugehörigen einzelnen Häusern nahmen damals noch nicht wie heute den ganzen Bergrücken ein. Es gab noch viel freien Platz, auf dem künftige Generationen am Ruhme Böhmens weiterbauen konnten. Viele Jahrhunderte hatten schon zum Entstehen der Burg beigetragen, viele weitere würden folgen.

Es war Mittagszeit. Fast niemand war auf dem gewaltigen Areal zu sehen, lediglich ein paar Hunde lagen faul im Schatten der Gebäude. Hin und wieder hoben sie blinzelnd den Kopf, um ihn dann wieder gähnend zur Ruhe zu senken. Auf einem Mauervorsprung schlief eine satte Katze, deren dreifarbiges Fell in der Sonne glänzte. Wem würde sie an diesem freundlichen Tag Glück bringen?

Fussnote(1): sein Wahlspruch: Fulget Caesaris astrum.


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